Widerstand aus Glauben – 80 Jahre Alfred Delp SJ
Predigt von P. Max Cappabianca in der KSG Berlin
Liebe Schwestern und Brüder,
Ich vermute, dass einige von euch ähnlich schockiert waren über die vergangenen Tage im Deutschen Parlament. Am Mittwoch wurde vom Deutschen Bundestag mit den Stimmen der AfD ein Entschließungsantrag verabschiedet, und am Freitag wäre sogar fast ein Gesetz mit den Stimmen der in Teilen rechtsextremen Partei durchgekommen, wenige Stimmen fehlten nur – Gott sei Dank!
Die Empörung war groß – nicht zu Unrecht, hatte doch der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz zuvor gesagt, dass er so etwas niemals zulassen würde. Ihr erinnert euch: die berühmte Brandmauer! Ich gebe zu, ich war fassungslos und auch wütend über die Partei mit dem C im Namen, das ja für „christlich“ steht. Ist das nicht eine Perversion, wenn man als „christliche“ Partei gemeinsame Sache macht mit Populisten, die unsere Gesellschaft spalten wollen?
Allerdings überkommt mich persönlich immer ein mulmiges Gefühl, wenn die Dinge so eindeutig zu sein scheinen. Ich mag es nicht, wenn man die Welt in Gut und Böse einteilt. Es muss doch Gründe geben, dass vernünftige Menschen wie Merz und andre Unionspolitiker sich so verhalten… Und tatsächlich war ich in den letzten Tagen für jeden kritischen Kommentar dankbar, der mich hat verstehen lassen, warum der CDU-Vorsitzende so gehandelt haben und warum die meisten CDU-Politiker seiner Initiative gefolgt sein könnten.
Zum Beispiel dass zwei Drittel der Deutschen Wähler für eine Verschärfung des Migrationsrechts sind. Das dürfen wir nicht ignorieren! Wenn wir mit dem Finger auf eine Partei zeigen, überzeugt das keinen einzigen migrationskritischen Wähler oder Wählerin. Dass eine so große Mehrheit diese migrationskritische Meinung vertritt, macht sie allerdings auch nicht richtiger. Denn es gibt unverhandelbare Werte, wie zum Beispiel der Respekt der Menschenwürde, die man nicht durch Mehrheitsbeschluss abschaffen kann!
Ein anderes Argument ist, dass Merz Alternativen aufgezeigt habe, die nun klar machten, wofür seine Partei steht. Das stimmt – auch wenn im Detail deutlich wird: Schon die Rot-Grün-Gelbe Koalition hat krasse Verschärfungen im Migrationsrecht beschlossen! Und tatsächlich ist die Migration ja schon deutlich zurückgegangen. Warum sieht das keiner? Das geht im Lärm des Populismus leider einfach unter!
Ich persönlich habe mir vorgenommen, mich nicht moralisch über diejenigen zu erheben, die eine andre Meinung vertreten als ich. Pharisäertum überzeugt keinen!
Ich habe mir außerdem vorgenommen, die Diskussion in der Sache zu suchen, in die Niederungen des Details hinabzusteigen, bevor ich eine andere Meinung verurteile. Dann werden wir alle automatisch leiser! Ich bin auch gegen unkontrollierten Zuzug und ich bin auch der Meinung, dass die Fähigkeit unsere Gesellschaft, Migrant*innen zu integrieren eine Grenze hat. Die Realität ist halt immer komplexer als eine populistische Parole! Wenn wir das alle beherzigen, dann werden wir alle auch etwas leiser!
Und wie stehe ich als Christ dazu? Gehört das überhaupt in eine Predigt, wo ich ja als offizieller Vertreter der katholischen Kirche spreche? Ja und Nein zugleich!
Kirche ist keine politische Organisation, die Wahlempfehlungen oder Warnungen aussprechen sollte! Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen die gläubig sind; und wenn dieser Glaube eine Relevanz für das Leben der Menschen hat, dann gehen von ihm Impulse und Orientierungen aus für den Wertekanon, der unsere Gesellschaft leitet!
Aus diesem Grund haben die Bischöfe vor ziemlich genau einem Jahr vor der AfD gewarnt: Völkischer Nationalismus und Christentum schließen einander aus, und da müssen wir Christ*innen auch den Mut haben, Flagge zu zeigen und für unsere Positionen einzustehen!
Dass man hierfür ganz schön viel Rückgrat braucht, beweisen die Menschen, die in einem Umfeld für die Grundrechte der Menschen sich eingesetzt haben, wo man dieses Bekenntnis manchmal mit dem Leben bezahlen musste.
Alfred Delp ist so einer, der für seine Überzeugungen von den Nazis mit dem Tod bestraft wurde. „Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen.“ Als Pater Alfred Delp diese Worte im Advent 1944 niederschreibt, saß er mit gefesselten Händen im Gefängnis Berlin-Tegel. Angeklagt von den Nazis wegen Hoch- und Landesverrats. Auf Bitten seines Provinzials hatte er sich in München im Kreisauer Kreis um Graf Moltke engagiert, einer Widerstandsgruppe, die Pläne für ein demokratisches Deutschland nach Hitler entwarf. Am 28. Juli 1944 wurde er verhaftet und vom berüchtigten Richter Roland Freisler zum „Tod durch den Strang“ verurteilt.
Ich möchte diese Predigt beenden mit einem längeren Auszug aus dem Tagebuch von Alfred Delp. Die Zeilen schrieb er nieder, als er schon zum Tode verurteilt war. Darin berichtet er, wie niederträchtige der Richter Freisler und die anderen Nazi-Schergen. Er schreibt, dass er nicht sterben wollte, dass sein starker Glaube ihm die Kraft gab, vor der Unmenschlichkeit nicht einzuknicken. Er glaubte an eine Gesellschaft, die die Menschenwürde respektiert und dass das Christentum diametral entgegengesetzt ist gegen jeden Totalitarismus.
Ich finde diese Zeilen – heute am 80. Jahrestag seines Todes durch den Strick – nicht weit von hier 25 Minuten mit dem Fahrrad! – ein starker Impuls für uns heute ist, wenn immer die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.
„Eigentlich hatten wir damit gerechnet, gleich am Donnerstagabend nach Plötzensee gefahren zu werden. Wir sind anscheinend die ersten, bei denen wieder Fristen eingehalten werden. Oder ob es die Gnadengesuche schon waren? Ich glaube nicht: Frank kam gestern zurück, obwohl für ihn noch kein Gesuch lief. Dass Frank auch verurteilt würde, hätte niemand gedacht. Aber dort ist alles Subjektivität, nicht einmal amtliche, sondern ganz persönliche Subjektivität. Der Mann [Freisler] ist gescheit, nervös, eitel und anmaßend. Er spielt Theater, und der Gegenspieler muss unterlegen sein.
Ich kam mir bei der ganzen Sache eigentlich recht unbeteiligt vor. Es war wie eine schlechte Pullacher Disputation, nur dass der Defendens dauernd wechselte und der Dauerobjicient auch zugleich entschied, wer recht hat. Die Mitrichter, das «Volk» am Volksgerichtshof waren gewöhnliche, dienstbeflissene Durchschnittsgesichter, die sich in ihrem blauen Anzug sehr feierlich vorkamen und sehr wichtig neben der roten Robe des Herrn Vorsitzenden. Gute, biedere SA-Männer, die die Funktion des Volkes, ja zu sagen, ausüben.
Es ist alles da, es fehlt nichts: feierlicher Einzug, großes Aufgebot der Polizei, jeder hat zwei Mann neben sich: hinter uns das «Publikum»; meist Gestapo usw. Die Gesichter der Schupos gutmütig-gewohnt-gewöhnlich. Das Publikum hat durchschnittlich den Typ des «einen» Deutschland. Das «andere» Deutschland ist nicht vertreten oder wird zum Tode verurteilt. Eigentlich fehlte noch eine Ouvertüre zu Beginn und ein Finale zu Ende oder mindestens Fanfaren. …
Die Beschimpfungen von Kirche, Orden, kirchengeschichtlichen Überlieferungen usw. waren schlimm. Ich musste eigentlich an mich halten, um nicht loszuplatzen. Aber dann wäre die Atmosphäre für alle verdorben gewesen. Diese herrliche Gelegenheit für den großen Schauspieler, den Gegenspieler für einen gescheiten, überragenden, verschlagenen Menschen zu erklären und sich dann so unendlich überlegen zu zeigen. Es war alles fertig, als er anfing. … Man ist dort kein Mensch, sondern «Objekt». Und dabei alles unter einem inflationistischen Verschleiß juristischer Formen und Phrasen. Kurz zuvor las ich Plato: Das ist das höchste Unrecht, das sich in der Form des Rechts vollzieht.
Ich bitte auch die Freunde, nicht zu trauern, sondern für mich zu beten und mir zu helfen, solange ich der Hilfe bedarf. Und sich nachher darauf zu verlassen, dass ich geopfert wurde, nicht erschlagen. Ich hatte nicht daran gedacht, dass dies mein Weg sein könnte. Alte meine Segel wollten steif vor dem Wind stehen; mein Schiff wollte auf eine große Ausfahrt, die Fahnen und Wimpel sollten stolz und hoch in alten Stürmen gehisst bleiben. Aber vielleicht wären es die falschen Fahnen geworden oder die falsche Richtung oder für das Schiff die falsche Fracht und unechte Beute. Ich weiß es nicht. Ich will mich auch nicht trösten mit einer billigen Herabminderung des Irdischen und des Lebens. Ehrlich und gerade: ich würde gerne noch weiterleben und gern und jetzt erst recht weiterschaffen und viele neue Worte und Werte verkünden, die ich jetzt erst entdeckt habe. Es ist anders gekommen. Gott halte mich in der Kraft, ihm und seiner Fügung und Zulassung gewachsen zu sein. …
So lebt denn wohl. Mein Verbrechen ist, dass ich an Deutschland glaubte auch über eine mögliche Not- und Nachtstunde hinaus. Dass ich an jene simple und anmaßende Drei-Einigkeit des Stolzes und der Gewalt nicht glaubte. Und dass ich dies tat als katholischer Christ und als Jesuit. Das sind die Werte, für die ich hier stehe am äußersten Rande und auf den
warten muss, der mich hinunterstößt. Deutschland über das Heute hinaus als immer neu sich gestaltende Wirklichkeit, Christentum und Kirche als die geheime Sehnsucht und die stärkende und heilende Kraft dieses Landes und Volkes – der Orden als die Heimat geprägter Männer, die man hasst, weil man sie nicht versteht und kennt in ihrer freien Gebundenheit oder weil man sie fürchtet als Vorwurf und Frage in der eigenen anmaßenden, pathetischen Unfreiheit.
Ich aber will ehrlich warten auf des Herrgotts Fügung und Führung. Ich werde auf ihn vertrauen, bis ich abgeholt werde. Und ich werde mich mühen, dass mich auch diese Lösung und Losung nicht klein und verzagt findet.
Das ist ein eigenartiges Leben jetzt. Man gewöhnt sich so schnell wieder an das Dasein und muss sich das Todesurteil ab und zu gewaltsam in das Bewusstsein zurückrufen. Das ist ja das Besondere bei diesem Tod, dass der Lebenswille ungebrochen und jeder Nerv lebendig ist, bis die feindliche Gewalt alles überwältigt. So dass die gewöhnlichen Vorzeichen und Mahnboten des Todes hier ausbleiben. Eines Tages wird eben die Tür aufgehen, und der gute Wachtmeister wird sagen: einpacken, in einer halben Stunde kommt das Auto. Wie wir es so oft gehört und erlebt haben.“ (Alfred Delp S.J.)
Quelle: Günther Weisenborn, Der lautlose Aufstand. Bericht über die Widerstandsbewegung des deutschen Volkes 1933-1945, Reinbek: Rowohlt, 1962, S. 284-287.

