Glauben in krisenhaften Zeiten
Predigt am 33. Sonntag im Jahreskreis B
© Prof Dr. Ulrich Engel OP, Berlin
Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,
unzweifelhaft leben wir in krisenhaften Zeiten. Ob es die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine sind, ob die Angriffe auf die liberale Demokratie in Ungarn oder den USA, ob es um Hate Speech in den Sozialen Netzwerken geht oder um ideologisch festzementierten Rechtsextremismus, um Massenentlassungen in der Automobilindustrie und ihren Zulieferbetrieben geht, ob um das Erreichen des 1,5-Grad-Kipppunkts bei der Erderwärmung, um Fluchtbewegungen hunderttausender Menschen im und aus dem Globalen Süden, um den massenhaften sexualisierten oder spirituellen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche, um zum Teil massive psychische Beeinträchtigungen, unter denen zunehmend mehr Jugendliche und Kinder leiden… – die Zahl der Krisen ist Legion. Und aufgrund ihrer medialen Allgegenwärtigkeit kann sich niemand ihrer Wirkung entziehen. Wir leben in krisenhaften Zeiten und merken das auch.
* * *
Frage: Gehen wir Christ*innen anders mit diesen großen Krisen um? Ich frage nicht, ob wir angesichts der multipolaren Konflikte bessere Lösungen zu bieten haben als andere.
Mich interessiert dabei vor allem unsere je persönliche Reaktion auf diese Krisen. Ganz konkret: Wie gehe ich als Christ*in mit Krisen um?
Sicher ist: Jeder Mensch hat andere Voraussetzungen und Muster, mit Krisen und existentiellen Bedrohungen umzugehen. Das hat mit meinem Charakter zu tun und mit meinen Lebenserfahrung. Frauen ticken oft anders als Männer – und Frauen auch anders als Frauen, und Männer anders als Männer. Ganz sicher spielt die Biographie eine entscheidende Rolle.
Aber bereits in meiner Kindheit wie auch in meinem Erwachsenenleben spielt mein Glaube dabei eine Rolle. Wobei ich „Glaube“ in diesem Zusammenhang ganz weit verstehe:
mein Glauben an das Gute im Menschen, mein Glaube an einen Sinn, der alles zusammenhält, mein Glaube an mich und meine Fähigkeiten, meine Kreativität und meine Begabungen. „Glaube“ meint hier vor allem „Vertrauen“.
Darüber hinaus kann aber auch mein Glaube an Gott und Jesus Christus Einfluss haben auf meinen Umgang mit Krisen prägen.
Liebe Gemeinde,
die heutige Perikope aus dem Markusevangelium (Mk 13,24–32) überliefert uns eine Rede, die Jesus im Tempel von Jerusalem gehalten hat. Dort, wo die prachtvolle Architektur des Tempels Unerschütterlichkeit und ewige Dauer suggeriert, spricht Jesus davon, dass sich die „Sonne verfinstert […] und der Mond […] nicht mehr scheinen [wird]; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“
In der Bildsprache der Bibel bedeutet das: Alle verlässliche Ordnung wird erschüttert werden. Auf alles, worauf sich Menschen verlassen haben – Sonne, Mond, Sterne, die Gestirne zur Orientierung und Ordnung des Tages – steht in Frage. Nichts wird bleiben, wie es war.
Dieses Gefühl der Desorientierung kannten nicht bloß die Menschen des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Im Gegenteil: das Gefühl des Orientierungsverlusts kennen viele Menschen heute genauso – und erfahren es oft als noch größere persönliche Infragestellung: z.B. wie in Spanien, wo im Raum von Valencia viele Familien Hab und Gut und Angehörige oder Freunde in den Wassermassen verloren haben – genauso wie sie in Folge davon viel von ihrer selbstverständlichen Sicherheit im Leben verloren haben. Corona hatte zuvor schon den Alltag vieler, besonders junger Menschen, verunsichert. Und anderswo auf der Welt ist es gang und gäbe, dass Menschen damit zurecht kommen müssen, dass da kein stabiler Staat existiert, der ihnen und ihren Kindern Sicherheit gibt.
Das Gefühl der Desorientierung verbindet uns Einwohner*innen Berlins im 21. Jahrhundert auf direktem Wege mit den Menschen der Bibel.
Liebe Gemeinde,
im Angesicht des Tempels in Jerusalem, der doch so viel Solidität und Sicherheit ausstrahlt, ruft Jesus solche Bilder und Erfahrungen der Orientierungslosigkeit und des Chaos
auf. Und trotzdem vertraut er auf Gott.
Was lesen wir im Evangelium über dieses Vertrauen?
- Jesus vertröstet nicht auf den Himmel. Statt dessen orientiert er sich am Himmel. Das macht den Unterschied aus. Vertröstung verschiebt Lösungen in eine unbekannte Zukunft – nach dem Motto: „… später mal!“ Orientierung hingegen greift jetzt. Hier und heute. Ganz konkret: in meinem Studienalltag, in meiner Partnerschaft, in meiner
WG… - Jesu lässt sich ganz auf seine Zeit und Welt ein und ist in seinen Gebeten und Gedanken doch jederzeit mit dem Himmel verbunden. Das ist doch das Zentrum unseres glaubenden Vertrauens in Gott: Gott selbst ist in dem Baby von Bethlehem Mensch geworden. In allem Chaos und aller Orientierungslosigkeit kö nnte „glauben“ dann bedeuten: an der Seite Jesu Gott, seinem und unserem Vater vertrauen.
- Zu keiner Zeit ist es Christ*innen leichtgefallen, diese Spannung auszuhalten. Wir leben hier, aber „unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20). So heißt es im Brief des hl. Paulus an die Gemeinde in Philippi.
Wie geht das? Vielleicht so:
- Wir bauen an Strukturen, planen Projekte, organisieren unser Miteinander in Staat, Gesellschaft und Kirchen – und vertrauen zugleich darauf, dass Gott mehr für uns bereit hält, nicht zuletzt dann, wenn unsere tollen Pläne und unsere ehrgeizigen Projekte scheitern.
- Wir teilen mit allen anderen Menschen auf diesem Planeten Angste und Sorgen – aber wir üben uns ein in Vertrauen, das darauf setzt, dass Gott und seine Liebe am Ende das letzte Wort behalten und eben nicht das Chaos.
Die Spannungen bleiben enorm. Trotzdem bin ich ganz tief in meinem Herzen davon überzeugt, dass Gott uns hilfreich zur Seite geht, wenn wir – wo und wie auch immer – gefordert sind, solche Spannungen auszuhalten.1
Amen.
1 Meine Predigt greift zurück auf eine Vorlage von P. Martin Löwenstein SJ aus dem Jahr 2021 und schreibt diese für den aktuellen Kontext weiter: https://martin-loewenstein.de/predigt-33-sonntag-im-jahreskreis-b-2021.html [Aufruf: 09.11.2024].

