Colors of Faith

Predigt zur Semestereröffnung am 28. Sonntag im Jk. B, KSG Edith Stein Berlin

© Prof. Dr. Ulrich Engel OP, Berlin


Liebe Studierende, liebe Gottesdienstbesucherinnen,

Liebe ist rot, Hoffnung ist grün, Trauer ist schwarz. Und aus der Werbung wissen wir: Schokolade ist lila. Aber welche Farbe hat eigentlich der Glaube, Ihr und euer ganz persönlicher Glaube?

Vielleicht klingt die Frage absurd. Allerdings haben Farben in den Religionen immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Daran dachten möglicherweise auch die KSGler*innen, die das neue Semester-Motto erdacht haben: „Colors of Faith“, so lautet es. Und die „Colors of Faith“ sollen auch dem heutigen Semestereröffnungsgottesdienst Glanz verleihen.

Da kommt es mir ganz zupass, dass in der Ersten Lesung des heutigen Sonntags schon einmal zwei Farben explizit erwähnt werden: Silber und Gold. Und implizit ist in dem kurzen Abschnitt aus dem 7. Kapitel des alt-/ersttestamentlichen Weisheitsbuches auch noch von vielen anderen Farben die Rede. Doch dazu später…

Zuerst jedoch möchte ich mich noch einmal meiner Anfangsfrage zuwenden: Welche Farbe hat mein Glaube? Ich bin nicht sicher, ob die Frage überhaupt richtig gestellt ist. Hat mein Glaube überhaupt eine Farbe? Würde eine solche Antwort – unabhängig davon, welche konkrete Farbe ich auswählen würde – nicht völlig konträr zu allen Einsichten der modernen Naturwissenschaft stehen?

In ihrer Perspektive – der der modernen Naturwissenschaft – ist ‚Farbe‘ auf jeden Fall keine physikalische Eigenschaft eines Körpers1. Insofern ‚hat‘ ein Gegenstand keine Farbe; mehr noch: er kann gar keine Farbe ‚haben‘. Stattdessen lehrt uns die Forschung, dass ‚Farbe‘ ein Sinneseindruck ist, der durch elektromagnetische Wellen unterschiedlicher Länge hervorgerufen wird. Die Struktur des Objekts, die Wahrnehmung seines Glanzes, seiner Rauigkeit und seiner Helligkeit werden bei diesem modernen Farbbegriff zunächst ausgeblendet. ‚Farbe‘ ist vor allem und zuerst ein Rezeptionsphänomen.

Dass ‚Farbe‘ ein Rezeptionsphänomen ist, lässt sich auch daran ablesen, dass Gefühlszustände in verschiedenen Kulturkreisen mit Hilfe ganz verschiedener Farben ausgedrückt werden: In Europa trauern wir in Schwarz, in China und in buddhistischen Ländern ist Weiß die bevorzugte Trauerfarbe. Und im alten Ägypten galt die Farbe gelb als Zeichen der Trauer: kulturelle Farbdifferenzen also, wohin das Auge fällt. Einerseits.

Andererseits gehen wir ebenso davon aus, dass bestimmten Farbwahrnehmungen über zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg ähnliche psychologische Wirkungen auslösen. So ist Blau die beliebteste Farbe überhaupt – kulturübergreifend!

Was bedeutet das alles für unsere „Colors of Faith“? Haben die Farben meines Glaubens dann gar kein fundamentum in re? Sind sie bloß durch elektromagnetische Wellen hervorgerufene Sinneseindrücke, die mir eine farbig-bunte Wirklichkeit vorgaukeln? Kurz und knapp: Ist die Buntheit unseres Glaubens nur fromme Einbildung? Menschengemachte Projektion? Schöngefärbter Selbstbetrug?

Andererseits sind ja auch die elektromagnetischen Wellen mehr als reine Phantasterei. Wenn die Wellen wirklich unsere Rezeption auslösen können, dann stellen sie eine eigene Realität dar, die es ernst zu nehmen gilt.

Liebe Gemeinde,

ich komme zurück zu unserer Lesung aus dem Weisheitsbuch. Das ist von Silber die Rede und auch von Gold – zwei Farben, die für Luxus und Reichtum, Macht und Ehre stehen, aber auch für Anmut und Glück. Im selben Vers ist zudem noch von einem „unschätzbaren Edelstein“ (Weish 7,9) die Rede; und im nächsten dann vom „Licht“ (Weish 7,10).

Edelsteine kommen farblos oder farbig vor. Verantwortlich für die jeweilige Farbgebung sind in den Stein eingelagerte Spurenelemente: z.B. Chrom, Eisen, Kupfer, Nickel oder Kobalt. Diese Elemente absorbieren gewisse Wellenlängen des weißen Lichts. Und dadurch entsteht für unser Auge der jeweilige Farbeindruck2.

Wenn die Farbigkeit von Edelsteinen durch Absorption – also durch eine Reduktion – hervorgerufen wird, dann verdankt sich das Weiß des Lichts einer Addition von Farben, genauer: der drei primären Lichtfarben Rot, Grün und Blau3.

Aber auch die funkelnden Edelsteine sind nicht in der Lage, die Weisheit Gottes vollwertig abzubilden, so die Einsicht der biblischen Weisheit (vgl. Weish 7,9). Und auch das Licht selbst kommt in seiner Strahlkraft nicht an den Glanz der Weisheit heran (vgl. Weish 7,10b). Verglichen mit ihr, so die These des Autors oder der Autorin des Weisheitsbuches, wirken Gold und Silber bloß wie „Lehm“ und wie „Sand“ (Weish 7,9): stumpf, unedel und grau eben.

Liebe Gemeinde,

die alt-/ersttestamentliche Weisheit bleibt den Farben gegenüber skeptisch – zumindest wenn es um ihre Fähigkeit geht, etwas vom göttlichen Glanz adäquat abbilden zu können. Wenn ich dieses Fazit unserer kurzen Relecture der Lesung ernst nehme, dann stellt sich die Frage nach den „Colors of Faith“ nochmals verschärft.

Ich schlage vor, dass wir unser Augenmerk verstärkt auf das „s“ im Wörtchen „Colors“ legen4. Das Pluralsuffix „s“ verstehe ich als einen Hinweis darauf, dass wir unsere Frage nach den Farben des Glaubens nur im Plural beantworten können. Insofern habe ich zu Beginn meiner Predigt möglicherweise die falsche Frage gestellt. Nicht dreht sich alles darum, welche Farbe mein persönlicher Glaube hat. Angebrachter wäre zu fragen: Welche Farben (im Plural!) hat ein vielgestaltiger und höchst diverser Glaube, wenn wir alle unsere je eigenen Versuche-zu-glauben zusammenlegen und teilen?

Wir bunt wird unser Glaube insgesamt, wenn wir, mit- und voneinander lernend, alle unsere Erfahrungen – Lebens-, Liebes- und Glaubenserfahrungen – kombinieren? Welche strahlende Vielfalt könnte daraus werden! Welch schöne und lebendige Diversität!

Liebe Gemeinde,

Zeichen dieser leuchtend-bunten „Colors of Faith“ gibt es viele:

  • der biblische Regenbogen, den Gott als Zeichen seines Bundes in die Wolken gesetzt hat (Gen 9,8–175),
  • die bunten Farben der „Bandiera della Pace“ als Symbol der internationalen Friedensbewegung,
  • die schillernden Farben des Regenbogens in der Flagge des „Lands der vier Teile“, das wir unter dem Namen „Inkareich“ kennen,
  • ein in der Kirchengeschichte gelegentliche anzutreffender regenbogenfarbiger Christus-Nimbus,
  • oder die sechs-streifige Regenbogenfahne der queeren Bewegung.

Wenn die KSG heute unter dem Motto „Colors of Faith“ ins Wintersemester 2024/25 startet, dann wünsche ich uns allen, dass wir mit Gottes Hilfe so weise sind, unsere in jeder Hinsicht diversen Lebens-, Liebes- und Glaubensgeschichten zu einer strahlend-bunten und glänzenden Vielfalt vereinen können: Kontroversen mit eingeschlossen…

Wie hieß es am Ende unserer Lesung: „niemals erlischt der Glanz, der von ihr [der bunt gefächerten Weisheit Gottes und unseren ebenso bunten Lebenserfahrungen] ausstrahlt. Zugleich mit ihr kam alles Gute zu mir“ (Weish 7,10c–11a).

Dieser Glanz und all das Gute, das sei mit euch im neuen Semester!

Amen.


1 Zum folgenden naturwissenschaftlich fokussierten Abschnitt vgl. Detlef Dieckmann-von Bünau, Art. „Farben (AT)“ (Mai 2008) = https://bibelwissenschaft.de/stichwort/18137/ [Aufruf: 11.10.2024].

2 Vgl. https://www.carat-online.at/edelsteinlexikon/edelsteine-farben-farbgebung.html [Aufruf: 11.10.2024].

3 Vgl. https://www.leifiphysik.de/optik/farben/grundwissen/licht-und-farben [Aufruf: 11.10.2024].

4 Vgl. Antje Dammel / Sebastian Kürschner / Damaris Nübling, Pluralallomorphie in zehn germanischen Sprachen Konvergenzen und Divergenzen in Ausdrucksverfahren und Konditionierung, in: dies. (Hrsg.), Kontrastive Germanistische Linguistik. Teilbd. 2, Hildesheim – Zürich – New York 2010, 587–642, bes. 587.

5 Vgl. dazu Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken Untersuchungen zu Komposition und Theologie der priesterschriftlichen Urgeschichte (Stuttgarter Bibelstudien Bd. 112), Stuttgart 1983.