Gerechtigkeit

Predigt am 21. Juli 2024 in der KSG Berlin
16. So im Jahreskreis (Jer 23, 1-6)

Liebe Schwestern und Brüder,

im Buch Jeremia ist die Rede von „Gerechtigkeit“. Der Prophet spricht zu den Hirten, die die Schafe hüten. Damit sind aber nicht die Hirten auf der Weide gemeint, sondern die Hirten des Volkes Israel – also die königlichen Herrscher. Die Könige werden gewarnt, dass der Untergang des Volkes bevorstehen könnte.

Wenn Jeremia aber von der Gerechtigkeit redet, meint er nicht schwierige Situation der Gegenwart, sondern er richtet seinen Blick auf die Zukunft:

„Siehe, Tage kommen […], da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und […] Gerechtigkeit üben im Land. […] Man wird ihm den Namen geben: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.“

Ein schöner Begriff, der Begriff der Gerechtigkeit, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung. 

Es wird Gerechtigkeit nicht nur angekündigt, sondern auch eingefordert. Wer sich ablöst und Unrecht tut, wird bestraft. 

Das Thema der Gerechtigkeit ist nicht nur hier in unserer Lesung wichtig. Es ist eine sehr grundsätzliche Frage der Menschheitsgeschichte. Denker wie Platon, Aristoteles, Paulus oder auch die alten Ägypter haben sich damit beschäftigt.

Im Alten/Ersten Testament findet sich das Bild von Gott als Richter. Und menschliches Verhalten und Handeln ist Folge der vorangegangenen und geschenkten Gerechtigkeit Gottes. 

Gerechtigkeit der Handelnden in der Gesellschaft ist ineinander verwoben, jeder muss seinen Anteil leisten, nicht nur eine Teilgruppe. Ohne gegenseitige Gerechtigkeit kann gemeinsames Leben, Gemeinschaft nicht gelingen.

Und selbst wenn man die Gerechtigkeit als Tugend im Blick hat, braucht es zuweilen klarer Appelle und gesellschaftlich kommunizierter Korrekturen. In unserem Beispiel ist es der Prophet Jeremia, heute sind es eher die Nachdenklichen unserer Gesellschaft, die schon mahnen, nicht ganz so hartherzig oder unfair zu sein. Sie erinnern uns daran, dass wir bei allen Irritationen und Störungen nicht vergessen sollten, gerecht im Urteil und im Handeln zu sein – und auch gerecht zu bleiben, selbst wenn es schwerfällt.

Jesus verstand Gerechtigkeit als versöhnende Gerechtigkeit, deshalb braucht es Vergebung. Vergebung stellt Gerechtigkeit wieder her. 

In der Bibel lassen sich keine unmittelbaren Handlungsanweisungen zur Realisierung finden. Gerechtigkeit steht jeweils in Kontexten (Tugend) und historischen, politischen und sozialen Bezügen. 

Das ist im Kleinen so, in der Gruppe von Freunden oder in die Familie, aber auch am Arbeitsplatz, an der Universität und auch im ganz Großen. Das sprechen wir vom Konzept der „Internationalen Gerechtigkeit“ im Horizont christlicher Gerechtigkeitsbestimmung.

Der Anspruch ist hoch, aber die Wirklichkeit ist komplexer: Wenn wir nach Gerechtigkeit rufen, dann stehen wir gut da. Wenn wir aber schauen, wie kompliziert die weltweite Verflechtung sozialer, ökonomischer, politischer Ereignisse ist, dann stehen wir etwas ratlos da.

Man kann Gerechtigkeit nicht einfach einfordern oder als gegeben hinnehmen. Gerechtigkeit ist eine Herausforderung, ein ständiger Prozess, eine andauernde Suche.

Gut, wenn es Propheten gibt, besser gesagt, wenn es Nachdenkliche gibt, die da ab und zu mal daran erinnern.

Erinnern ist schon mal was, aber letzten Endes steht es an, dass jeder selbst es in die Hand nimmt, den Blick auf Gerechtigkeit zu werfen und sie zur menschlichen Tugend zu erklären.

Amen!

 

Thomas Eggensperger OP


Literatur:

Gerald Hartung / Stefan Schaede (Hrsg.), Internationale Gerechtigkeit. Theorie und Praxis, Darmstadt 2009.