Mk 6,7-13: Visionen für eine Kirche am „toten Punkt“

Predigt am 15. So. i. Jahreskreis B, 14. Juli 2024, KSG Berlin
© Prof. Dr. Ulrich Engel OP


Liebe Studierende, liebe Gemeinde,

völlig unpassend zur schweren Krise, in der sich die Kirche derzeit befindet, präsentiert uns die Leseordnung dieses Sonntags eine Kirchenvision: So sollte die Gemeinschaft der Christ*innen idealerweise sein! In der Realität allerdings haben sexueller und geistlicher Machtmissbrauch vor allem durch Kleriker wie auch die Vertuschung der Verbrechen durch Bischöfe und andere Verantwortungsträger die Kirche an einen „toten Punkt“ gebracht. 1

Und genau in dieser düsteren Situation wird uns mit dem heutigen Evangelium eine kirchliche Zukunftsvision zugemutet. Ist das angemessen? Sollte man es da nicht eher mit Ex-Kanzler Helmut Schmidt halten, der im Bundestagswahlkampf 1980 die Parole ausgab: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Kirchenvisionen – ein Fall für die Psychiatrie?

Schauen wir einmal etwas genauer in den Text des Markusevangeliums.2 Ich gehe dabei Vers für Vers vor:

Vers 7: „In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zu sich und sandte sie aus (…).“

  • Die Ausgangssituation: Jesus war zuvor in seiner Heimat Nazaret unterwegs: erfolglos. Entsprechend enttäuscht ist er.3 Auch Jesus ist mit seiner Mission an einem ‚toten Punkt‘ angekommen.Allerdings resigniert er nicht, sondern sucht sich Mitstreiter. Diese beruft er und sendet sie aus: „die Zwölf“ heißt es da, die Apostel also. Folglich ist in der Perikope die Amtskirche angesprochen, die kirchliche Hierarchie. Ihr sind die folgenden Visionen ins Stammbuch geschrieben.Das ist jedoch noch nicht alles. Denn die Zwölf repräsentieren nicht nur die kirchliche Leitungsebene, sondern stehen stellvertretend ebenso für das gesamte Gottesvolk. Wenn Jesus die Zwölf zu sich ruft, bedeutet das auch: Jede Getaufte und jeder Getauften ist von Christus berufen und von ihm gesandt – nicht nur Bischöfe, Priester oder Ordensleute.

    Und noch eins ist wichtig: Für seine Sendung wählt Jesus nicht nur Helden aus. Denn die Zahl „12“ umfasst das Ganze, alle. Nicht bloß den Teil der Menschen, die einen makellosen Lebenslauf vorweisen können. Kirche ist keine Eliteveranstaltung!

Vers 7b: „Jesus sandte sie aus, jeweils zwei zusammen.“

  • Jesus schickt die Jünger*innen zu zweit los, nicht alleine. Ob sich die Partner*innen einander aussuchen durften, wissen wir nicht. Auf jeden Fall gilt: Erst zu zweit können wir den Glauben bezeugen. Allein kann ich bloß von meiner privaten Meinung Zeugnis geben.„Glauben“ – das wird an dieser Stelle deutlich – ist nicht zuerst persönliche Meinung und auch nicht das Fürwahrhalten von Theorien, sondern Leben in Gemeinschaft: Geteiltes Leben, geteilte Hoffnung, Vertrauen und Füreinander-Dasein…

Verse 8 und 9: „[E]r gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.“

  • Hier fällt besonders auf: Jesus sendet seine Leute mittellos. Die materielle Ausstattung der Kirche ist nicht das Zentrale – auch wenn ich dankbar bin, dass wir in Deutschland für unsere pastorale Arbeit finanziell (noch) recht gut ausgestattet sind.Nun geht es dem Evangelium aber nicht um eine arme Kirche um der Armut willen. Die Aussage zielt vielmehr auf eine Umkehrung der üblichen Verhältnisse. Denn finanziell mittellos sind die Bot*innen Jesu angewiesen auf die, zu denen sie gesendet sind.Wer sich im Namen Jesu und der Kirche senden lässt, macht sich abhängig von den Menschen, mit denen er oder sie zusammentrifft. Nicht mehr Gastgeber*innen sind die Boten, sondern Gäste. In dieser Abhängigkeit mache ich zweifelsohne andere Erfahrungen als aus der Position des „Machers“ oder der gut ausgestatteten „Managerin“.

    Lebendige Kirche wird erfahrbar in den Menschen, denen ich begegne. Lebendige Kirche erfahre ich durch Frauen und Männer, die mich in ihr Haus und Leben einlassen, mir Haustür und Herz öffnen und Gastfreundschaft gewähren, die mir ihre Zeit und Aufmerksamkeit schenken, Freundschaft und Zuneigung, die ihre Fragen und ihr Suchen mit mir teilen.

Vers 12: „Und sie zogen aus und verkündeten die Umkehr.“

  • Wenn Kirche mental arm wird, sich damit den Menschen aussetzt und die anderen die Agenda bestimmen lässt, dann geschieht Umkehr. Umkehr heißt dann und zuerst: Umkehr der Kirche selbst. Und Anerkenntnis von Fehlverhalten und Schuld.
    Kirche und ihre Akteure steigen von ihren buchstäblich hohen Rössern herab und begeben sich auf Augenhöhe mit den Menschen. Die bis dato allwissenden und immer dogmatisch korrekten Kirchenleute machen sich klein und angreifbar. Sie werden von Lehrenden zu Lernenden – und damit jesuanischer.

Vers 7c und 13: „Er gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister. (…) Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“

  • Liebe Gemeinde, erst wenn sich Kirche wieder mehr als Gemeinschaft denn als Hierarchie konstituiert – also wenn sie synodal wird –, wenn sie also alle, die zu ihr gehören wollen, mit offenen Armen empfängt, dann wird ihr Wirken heilsam werden.Erst wenn ihre Verantwortungsträger umkehren, vom hohen Ross herabsteigen und sich freiwillig abhängig machen von den Menschen und ihren Erfahrungen, dann wird Kirche wieder glaubwürdig.Erst dann können – vielleicht – die Wunden, die Kirchenvertreter so vielen Menschen zugefügt haben, wieder heilen. Dann ist ihr vielleicht die Chance gegeben, den sprichwörtlich „toten Punkt“ zu überwinden. Dann kann auch die katholische Kirche eine Kirche der Freiheit werden. Ohne den Dämon des Missbrauchs. Darauf hoffe ich.

Amen.


1 Kardinal Reinhard Marx, Brief an Papst Franziskus vom 21.5.2021, unter: https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-55270120.PDF [Aufruf: 10.07.2024]; vgl. auch seine auf den selben Tag datierte begleitende „Erklärung“, unter: https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-55270220.PDF [Aufruf: 10.07.2024].

2 Mk 6,7-13. Orientiert habe ich mich in Teilen meines Textes an: Martin Löwenstein SJ, Predigt zum 15. Sonntag im Lesejahr B 2009 (Markus), unter: https://www.martin-loewenstein.de/predigt-15-sonntag-im-jahreskreis-b-2009.html [Aufruf: 10.07.2024]. Konsultiert wurden zudem: Josef Ernst, Das Evangelium nach Markus (Regensburger Neues Testament), Regensburg 1981, 173-178; Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus. 1. Teilbd. Mk 1-8,26 (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. II/1), Zürich – Düsseldorf – Neukirchen-Vluyn 51998, 238-242; Karl Kertelge, Markusevangelium (Die Neue Echter Bibel. NT Lfg. 2), Würzburg 32005, 63f.

3 Vgl. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 238.